Mein Denker Karl-Heinz

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Als ich meine Denksucht erkannte, wollte ich alles darüber erfahren.

Der hauseigene Denker wird auch Ego oder Verstand genannt. Egoismus ist nichts gutes, soweit war ich erzogen. Aber ist Verstand nicht das, was erstrebenswert ist? Ja und nein, denn ein wenig verwirrend wird es, weil dieses Wort keine klar definierte Bedeutung hat und deshalb auch nicht immer das Gleiche damit gemeint ist.

Egal, wie die korrekte Bezeichnung für meinen automatisierten Denker ist, dachte ich mir so, er quatscht mich permanent voll. Ständig verstrickt er mich in problembeladene Zustände, er kritisiert mich und will mich antreiben. Wegen ihm fühle ich mich schlecht. Seine Gedankengänge sind durchaus nachvollziehbar; das ist der Trick, den er seit Jahrzehnten anwendet.

Wenn ich ihn erwischt habe und mit ihm schimpfe, tut er so, als hat er begriffen, dass er jetzt zu verschwinden hat. Doch keine fünf Sekunden später hat er sich wieder mit anderen durchaus nachvollziehbaren Gedanken durch die Hintertür hereingeschlichen.

Was konnte ich also tun? Ich musste lernen, mich gegen ihn zu wehren, erzeugt das Druck auf ihn und er kommt mit geballter Kraft, denn er möchte sich gern durchsetzen. Loswerden war also keine Lösung. Manchmal – eher selten – ist er ja vielleicht zu etwas nütze.

Ich sprach mit einem weisen alten Freund darüber und er erzählte mir Folgendes über den hauseigenen Denker.

Dein Denker ist gleichzeitig dein größter Kritiker. Er plappert ständig seinen inneren Monolog: Du bist zu dick, zu dünn, zu häßlich, zu faltig, du läufst krumm, du machst zu wenig Sport, du bist zu vorlaut und arrogant, hättest du besser mal die Klappe gehalten oder hättest du mal den Mund aufgemacht... etc.

Man glaubt es kaum, doch er macht das n i c h t, um dich zu ärgern oder dich schlecht fühlen zu lassen. Dein Denker ist dein Beschützer. Er hat a l l e s gespeichert, was du seit deiner Existenz mit all deinen Sinnen erlebt hast. Er weiß, wie du dich als Kind gefühlt hast, wenn du getadelt wurdest, er verarbeitet die täglichen Nachrichten, die Suggestionen in den Medien und alle Eindrücke, denen du jeden Tag ausgesetzt bist.

Er möchte nicht [mehr], dass a n d e r e dein Aussehen und deine Art kritisieren und dich demütigen. Deshalb erledigt er das lieber selbst, damit du nicht noch vor anderen bloßgestellt wirst.

Nur — solange wir ihn nicht durchschauen und wissen, dass er es gut mit uns meint und wir in Wirklichkeit schön und liebenswert sind, ist es uns praktisch unmöglich, uns selbst bedingungslos zu lieben.

Das beste, was du tun kannst ist: Mache ihn zu deinem Freund, denn er möchte dein Freund sein! Und ganz ohne ihn geht es auch nicht.

Ich weiss gar nicht, wie ich diese Quälerei ständig aushalten konnte, ohne mich zu fragen, wie und woher das kommt mit der ständigen Problemdenkerei. Anstatt dass ich mir suggerieren würde, ich hätte Lachgas inhaliert und sehe die Welt in ihrer ganzen Schönheit zu erleben, habe ich nach meines Denkers Pfeife getanzt und mir das Leben schwer gemacht. :-/

Jetzt, wo ich über ihn Bescheid weiss, verarbeite ich alle Dinge b e w u s s t und immer weniger Informationen können unzensiert in mein Unterbewusstsein sinken.

Wenn wir klug handeln, umgeben wir uns mit schönen Dingen, denken gute Gedanken, essen gute Lebensmittel, stiften Frieden, nehmen uns Zeit für uns und unsere Mitmenschen... Und – wir lieben uns selbst bedingungslos! :-) Dann ziehen wir Glück in unser Leben.

Ich habe Freundschaft mit meinem Denker geschlossen und gab ihm einen Namen. Es sollte einer sein, den ich mit einem symphatischen Menschen verbinde, der überwiegend seine linke Hirnhälfte gebraucht, also die für die Ratio zuständige. Mein Schwiegervater hieß Karl-Heinz – ein angenehmer Zeitgenosse.

Mit meinem Karl-Heinz hatte ich ein ausführliches Gespräch. Ich habe ihm erklärt, dass ich jetzt [seit etwa vier bis fünf Jahrzehnten ;-)] erwachsen bin und dass wir jetzt ein Team sind, was keinen Kritiker braucht.

Ich habe ihn gebeten, trotzdem bei mir zu bleiben und mich vor Manipulation und schlechten Einflüssen zu bewahren. Etwas anderes hat er nie gewollt, sagt er. Und er sagte noch, dass er auch mein Gewissen sei und ich ohne ihn wahrscheinlich alle A-löcher um mich herum schon längst gekillt hätte und ich ohne ihn vielleicht im Gefängnis säße. :-)

Ich habe gelernt, Karl-Heinz regelmässig zu beobachten und seine schlechten Gewohnheiten [Gedanken] in gute umzuwandeln. Wir geben uns öfter einen dicken Knuddel und leben inzwischen in Eintracht.

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Unfassbar, dass ich mich jahrzehntelang jeden Tag so habe veräppeln lassen. ;-) Wie geht´s dir mit deinem Denker? Ich will alles wissen!

Deine Mathilda